Aaaaarrrghhh – oder: Über den Umgang mit Frustration

„Diese 7a, die raubt mir den letzten Nerv!“

“ Ich KANN NICHT MEHR!“

„Wegen Ali hab‘ ich mit Yoga angefangen…“

Letzter Satz stammt von mir – direkt aus dem Referendariat mit einer Klasse gesegnet, die es in sich hatte: Gleich 5 Problemschüler auf einmal. Was tun, um dem frühen Exitus durch Herzkasper zu begegnen? Ist Yoga wirklich die beste Wahl?

 

Ein paar Gedanken vorweg:

Nein – ich bin nicht Lehrer geworden, damit ich viel Freizeit habe!

Gleich zwei für uns kaum steuerbare Dinge belasten das Lehrerdasein vorweg:

  1. Ein gesellschaftlicher Ruf des faulen Beamten, der überbezahlt, unvorbereiteten Unterricht absitzt. Das schlaucht, da viele mir bekannte Lehrer sich immer wieder unbewusst beweisen wollen und viel zu viel zumuten…
  2. Dazu kommen chronische Stressoren des Schulalltags:
  • Körperliche Belastung. Man mag sagen, was man will: Lehrer sein fordert nicht nur geistig, sondern auch körperlich einiges ab. täglich ca. 6 Stunden seinen Mann (oder seine Frau) vor 30-köpfigen Jugendgruppen zu stehen, Konflikte mit pubertierenden Pöblern, sprachlich die Vorherrschaft in lauten Räumen erkämpfen, und unzählige Fußwege fordern ihren Tribut. Meine Smartwatch hats mir bewiesen: An einem längeren Tag mit motiviertem Unterricht kam ich auf sage und schreibe 16.000 Schritte!
  • Emotionale Belastung:  Allem voran: Anstrengende Schüler rauben Zeit und Nerven. Unaufmerksamkeit, Freches, dreistes oder arglistiges Verhalten, stete Konfrontationen und Provokationen laugen emotional aus. Beim Gang zu manchen Klassen fühle ich mich wie ein Gladiator auf dem Weg in die Arena!

Eine Stunde mit anstrengenden Schülern kostet mehr Kraft als ein Tag mit einer angenehmen Klasse!

Ebenso kraftraubens sind traurige Schicksale von Schülern, mit denen man konfrontiert wird. Diese nimmt man sogar noch stärker mit nach Hause als die erste Gruppe.

Und last but not least: Der Lehrer als Don-Quichote!

Zu sehen, dass die eigene Arbeit auf Seiten der Kundschaft oftmals weder honoriert wird, noch sonderlich sichtbare Früchte trägt, kann echt anstrengend sein.

  • Nicht zu unterschätzen ist die Belastung durch monotone Arbeit, etwa Korrekturen von Klassenarbeiten und Tests, sowie Vor- und Nachbereitung. Dies frisst einen erheblichen Teil des Arbeitspensums.
  • Letztendlich belastet eines noch enorm:  Die massive zeitliche Einspannung im Schulalltag. Ein normaler Schultag für Lehrer besteht eben nicht aus „entspannenden Schulstunden“, in denen man sich zurücklehnen kann, sondern permanente Aufmerksamkeit und Aktivität. Und auch Pausen bieten kaum die gewünschte Entspannung, da diese genutzt werden, um „alles andere“ auf dem kurzen Dienstweg zu besprechen. An manchen Tagen (1. bis 8. Stunde) erkenne ich erst gegen 15 Uhr, dass ich noch nichts getrunken habe – weil ich noch nicht dazu kam…

 


Soweit, so frustrierend, so schlecht…

Also, WAS TUN?

Mit folgenden Tricks habe ich gute Erfahrungen gemacht:

Sei dir des Arbeitsaufwandes bewusst und teile deine Kräfte ein!

Wie beim Marathon gilt: Nicht sofort volle Pulle loslegen, sondern so, dass man auch in einem langen Tag noch Kräfte hat. Heisst: Im Zweifelsfall mehr Sitzen als Stehen, weniger lehrerzentriert unterrichten und viel in Schülerhände legen, anstrengende und aufwändige Unterrichtssettings nach Möglichkeit auf kürzere Tage verlegen.

Gestalte deine Klausuren korrekturfreundlich

Wer Klausuren intelligent plant, spart enorm Zeit bei der Korrektur. Zugegeben, ein Aufsatz bleibt ein Aufsatz – da kann man nicht viel ändern. Aber muss es in der Fremdsprache wirklich immer ein geschriebener Text sein? Könnte man nicht auch durch Ankreuzen die Kompetenzen ähnlich abfragen? Um mir Testkorrekturen zu erleichtern bitte ich meine Schüler, alle Fachbegriffe zu unterstreichen – so finde ich sie schneller und kann besser abhaken.

Trainiere Standardmethoden für Konfliktmanagement

Bei jedem Konflikt mit einem Problemschüler das Rad neu zu erfinden ist sinnlos und anstrengend! Übe dich in  4/5 Standardmaßnahmen und -formulierungen, die du in den meisten Fällen abspulen kannst. Meine Standards sind (in genau dieser Eskalationsreihenfolge:

  1. Ein deutliches: Du störst, bitte sei still.
  2. Hinweis: „Bleib nach der Stunde bitte hier – wir müssen reden“  Für Schüler der Horror, da sie die Stunde über zittern
  3. Androhen des Rausschmisses
  4. Rausschmeissen
  5. Gespräch mit Stufenleiter

Weitere Evergreens:    „Du verlässt heute als Letzter die Klasse“ – „Wenn du nicht richtig sitzen kannst, dann musst su stehen (–> Stuhlverbot) – „Dein Handy kannst du morgen bei der Sekretärin abholen“

Schaffe dir Entspannungsinseln im Lehreralltag

Was wirkt am besten gegen die zeitliche Einspannung!? –> Bewusste ENTspannung. Zwinge dich zum Runterfahren in den Pausen und erarbeite dir ein paar Minuten nur für dich. Ich habe dies mit einer Tasse Tee/Kaffe ritualisiert, setze mich hin und sage allen ab, die „nur mal eben kurz“ mit mir sprechen wollen. Da wird sich auch noch ein anderer Termin finden lassen.

Lass die Arbeit dort, wo sie hingehört!

Einfach gesagt, schwer getan. Ich nutze die Autofahrt, um nocheinmal den Arbeitstag zu reflektieren – was war gut / was kann ich besser machen. Das hilft beim mentalen Abschliessen. Korrekturen bearbeite ich ebenfalls gern auf der Arbeit – dann habe ich zuhause mehr Freizeit.

 

FAZIT

Wie in jedem Beruf sind auch Lehrer nicht davor gefeit, durch Stressoren in Gleichgültigkeit oder Frustration abzurutschen. Wenn du erste Anzeichen wie dauerhafte Lustlosigkeit oder Frustration bemerkst, solltest du bewusst nach alternativen Wegen suchen.

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